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Das Fenstertheater - näher beleuchtet

Das Fenster-Theater


1.

Der Text „Das Fenster-Theater“ parodiert die ernste, starr-strukturierte Welt der Erwachsenen. Er richtet sich an alle, die sich selbst und ihr Leben zu ernst nehmen und soll ihnen eine Anregung sein, über ihre vier Wände hinaus zu sehen, zu erkennen dass nicht immer alles schwarz-weiß sein muss und ab und an ihre Konformität abzulegen – denn etwas Infantilismus kann das Leben durchaus bunter und einfacher gestalten.


Das Fenster-Theater“ handelt von einer Frau, die in ihrer Tristesse einen alten Mann im Haus gegenüber beobachtet, der durch Gestik und Mimik mit ihr zu kommunizieren versucht. Zunächst erfreut sie sich daran, doch je skurriler die Bemühungen des vermeintlichen Versuchs der Kontaktaufnahme werden, desto bedrohter fühlt sie sich, bis sie sich schließlich an die Polizei wendet.



2.

Die Wiedergabe und das Vorantreiben der Handlung werden ausschließlich vom auktorialen Erzähler übernommen. Der Erzähler setzt uns sowohl über äußere als auch über innere Vorgänge in Kenntnis. Er berichtet beispielsweise unvoreingenommen über Handlungen der Personen, aber auch über die inneren Gefühlsregungen der Frau, oder impliziert eben diese durch Beschreibung physischer Ereignisse (z. B. als sie die Polizei ruft, was verdeutlicht, dass sie sich durch Mimik und Gestik des Alten bedroht und beunruhigt fühlt).


Durch den parataktischen Satzbau wird am Anfang des Textes durch das schnelle Voranschreiten der Handlung ein Spannungsaufbau erzielt, der dem Leser Lust auf mehr macht und dessen Interesse weckt. Im Text verteilt werden immer wieder Elemente eingebaut, die die Neugier aufrecht erhalten. Bei der Beschreibung der Handlungen des Alten allerdings, verlässt sich der Autor auf einen zeitdehnenden Erzählstil, um dem Leser dessen Aktivitäten minutiös zu schildern. Man ist als Leser gefesselt, da man sich zum einen fragt was er sich nun als nächstes ausdenken mag, zum anderen wissen möchte welche Motivation ihn zu seinem Verhalten veranlasst.


Der Verfasser ermöglicht es dem Leser gleich zu Beginn des Textes ansatzweise erahnen zu können welche charakterlichen Eigenschaften der Protagonistin zugeordnet werden können, obwohl der Text in medias res beginnt und uns also im Vorab weder Informationen über die Frau, noch in welcher Relation sie zu dem alten Mann steht, bekannt sind. Dadurch, dass der Autor auf eine stark adjektivisch fokussierte Beschreibung zurückgreift, zeichnet sich in der Phantasie des Lesers ein genaues Bild der Situation, Stimmung, sowie der Personen. Das Erzeugen des Stimmungsraumes in den Zeilen 4 bis 7 deutet beispielsweise an, dass das Leben der weiblichen Hauptfigur nicht gerade von Frohsinn und Heiterkeit geprägt ist. Niemand, der mit sich selbst und seiner Umwelt im Reinen ist würde es als Wohltat betrachten vor seinem Haus umgefahren zu werden.


Sie ist also verbittert, unglücklich und hat jegliche Fähigkeit zur positiven Reaktion verlernt. Durch den kurzen Umschwung von der äußeren in die innere Handlung in Zeile 13, anhand des Gedankenberichts „Meint er mich?“, wird deutlich, dass sie zudem an keinerlei Interaktion mit Mitmenschen mehr gewohnt ist und total zurückgezogen lebt. Ihr Dahinvegetieren richtet sich nach einem starren Muster, verläuft immer in gleichen Bahnen und sobald etwas eintritt, was ihrem Werte- und Handlungssystem widerspricht, verstört sie das. Sie ist bestens über Vorkommnisse in ihrem engen Umfeld im Bilde, weiß genau wann die Prozession die Kirche verlässt oder wann die Werkstatt, die sich unten im Haus befindet, schließt.


So ist es nicht weiter verwunderlich, dass sie sich bereits an Kleinigkeiten stört. Zum Beispiel in Zeile 8, als der Alte bei sich das Licht anschaltet. Das Licht fungiert nicht bloß als Raumsymbol, das die helle, frohe Welt des alten Mannes mit der ihrigen düsteren im Kontrast setzt (Licht und Schatten), sondern zeigt auch ihre Eingefahrenheit in bestimmte Abläufe und Muster. Da es noch taghell ist stellt die synthetische Beleuchtung eines Raumes für sie etwas Störendes da, das man ihrer Ansicht nach normalerweise eben nicht tut. Ein weiterer Beleg für diese Einstellung lässt sich in der Art finden wie die Frau den Alten beobachtet - mit einer Mischung aus Faszination und Ungläubigkeit. Dies ist ein weiterer Verstoß gegen ihr Geflecht aus starren Verhaltensmustern, den der alte Mann begeht, weil ein Mann seines Alters ein solch unreifes, seltsames Verhalten nicht an den Tag legen sollte, es ist unnatürlich. Ihr fehlt jegliche Sensibilität um in diesem Gebaren einen Unterhaltungswert zu erkennen, sie ist dafür bereits viel zu abgestumpft.

Obwohl der Autor mehr über den Alten als über die Frau preis gibt, kristallisiert sich eine klarere charakterliche Struktur der Frau heraus, wohingegen Wesen und Intentionen des Alten bis zum Ende hin unklar bleiben.


Die Erschaffung der beiden konträren Stimmungsräume zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Text und verschafft dem Leser, gepaart mit der einfachen Sprachgestaltung, einen guten Überblick und die Möglichkeit einer klaren Trennung zwischen dem Lebensraum der Frau und dem des alten Mannes.

Erst nachdem die Polizei eingetroffen ist verlässt die Frau ihren Lebens- und damit auch den vorherrschenden Handlungsraum, also ihre Wohnung, sogar ihr Haus, um die Gesetzeshüter dabei zu begleiten wie sie in den Lebensraum des Alten gewaltsam eindringen.

Kurz bevor sie ihren Lebensraum verlässt tritt in Zeile 43 bis 44 das Lachen erstmals in den Mittelpunkt. Das Lachen wird sozusagen materialisiert und zu etwas Greifbarem gemacht. Der Alte hält es in der hohlen Hand, um es dann zu ihr hinüber zu werfen.


Als die Truppe bestehend aus Frau und den Herren in Grün sich in der Wohnung des Alten befinden wird der Grund für das Verhalten des Alten ersichtlich: Er kommuniziert nonverbal mit einem kleinen Jungen, der mit seiner Familie in die Wohnung über der Frau gezogen ist. Dies ist ein weiterer Beleg für die Isolation in die sich die Frau selbst manövriert hat, da sie zu sehr damit beschäftigt war die negativen Aspekte an sich selbst und ihrem Leben zu suchen, als dass sie die neue Partei im Haus bemerkt hätte.


Die Geschichte findet ihren Höhepunkt in den letzten beiden Zeilen, in denen das Lachen ein weiteres Mal in den Mittelpunkt gerückt wird. Der kleine Junge wirft es mit aller Kraft den Wachleuten ins Gesicht. Durch den Ausdruck „mit aller Kraft“ wird teils die Wut des Kleinen über die Störung ihres Spiels verdeutlicht, aber auch der dringende Bedarf des Lachens seitens der Polizei. Der Junge empfindet sie als zu ernst und ist der Meinung, dass diese es dringend benötigten. Das Werfen des Lachens ist ein Ausdruck des Spottes, den der kleine Junge für die Erwachsenen übrig hat, die sich selbst zu wichtig nehmen und jeglichen Bezug zu Spaß und Kindereien verloren haben. Sie sehen in allem gleich das Schlimmste und es war schier unvorstellbar für diese gefühlskalte Gemeinschaft der Erwachsenen in der Handlung des Alten ein harmloses, kindliches Spiel zu erkennen.




Mit „Das Fenster-Theater“ wird ein nicht selten emergentes Problem in unserer heutigen Gesellschaft angesprochen. Der gesellschaftspolitische Aspekt besteht darin, dass jeder in seinem eigenen Kasten lebt, der sowohl die Grenzen des psychischen als auch des physischen Horizonts zieht. Jeder Mensch gehorcht einem gewissen stereotypen Muster an Werten und Weltanschauung und begegnet Personen, die ein von der allgemeinen Norm abweichendes Auftreten oder Erscheinen wählen mit Argwohn und Ablehnung – wenn nicht sogar mit Abscheu und Verachtung. Die Frau fungiert als gutes Beispiel dafür, dass wir Menschen so veranlagt sind, dass wir eben diese aus der Reihe fallenden Phänomene interessant finden, diese jedoch lieber mit einem gewissen Abstand betrachten und oft selbst nicht dazu in der Lage sind unsere Gefühle diesbezüglich zu kategorisieren. Zwar ist das Verhalten des Mannes für die Frau geradezu ein Unding, doch trotzdem will es ihr nicht gelingen den Blick von ihm abzuwenden. Ich finde auch das Erwähnen der Menschentraube, welche sich als Konsequenz aus der Polizeipräsenz ergeben hat, für diesen Aspekt sehr signifikant. Es verdeutlicht den natürlichen Drang zum Voyeurismus der Menschen und des Interesses sich vom eigenen Leben etwas extrahieren zu können. Vor allem als dann auch noch erwähnt wird, dass einige sogar so dreist waren bis in den letzten Stock mitzukommen, lässt sich das Verlangen nach dem Elend der anderen zum eigenen Zeitvertreib gut erkennen.


Aus psychoanalytischer Sicht ist die Beleuchtung der Geschichte auch nicht uninteressant, da sie sich teilweise mit der rezeptions- und wirkungsbezogenen Ebene vermischt. Das Verhalten der Frau lässt sich sicherlich auf einige negative Erfahrungen mit der Gesellschaft zurückführen. Eventuell ist sie auf sich alleine gestellt und hat keine Verwandtschaft mehr an die sie sich wenden könnte, da in dem kleinen Ausschnitt aus ihrem Leben, den der Text bildet, von keiner Person die Rede ist, mit der sie in irgendeiner vertrauten Art und Weise interagiert. Auch ihre Verbittertheit und ablehnende Haltung der Welt gegenüber lässt auf einen negativen Erfahrungswert in der Vergangenheit schließen; höchstwahrscheinlich hat sie Enttäuschung oder Ablehnung erfahren. Beim Leser bildet sich dadurch ein Bild einer typischen konservativen Frau, die keinen Spaß versteht und das Lachen regelrecht verlernt hat. Ihre einzige Befriedigung ist es durchs Fenster hindurch ihre Umwelt zu beobachten und man kann sich denken, dass sie es auch genießt diese maßzuregeln und auf Fehler hinzuweisen. Die Protagonistin ist sehr verbittert, weil sie anscheinend auch der Meinung ist, dass niemand nach ihr fragt und sie selbst daher auch niemanden braucht. Dies macht sie sehr unsympathisch und man empfindet Mitleid für den alten schwerhörigen Mann, dem sie die Polizei auf den Hals hetzt, wobei der keinerlei böse Absichten hatte und im Gegenteil für den kleinen Jungen noch den Bespaßer gespielt hat. Die harmlose, kindliche Art der Selbstjustiz des kleinen Jungen am Schluss stellt für den Leser sozusagen eine Art Erleichterung da, weil die Erwachsenen einen Dämpfer bekommen.

Zwar liegt ein klassisches Sender-Empfänger-Problem vor, doch die Rezeption der beiden Parteien ist besonders unterschiedlich, da sie unterschiedlichen prägenden Prozessen ausgesetzt waren. Während der alte Mann wohl immer das Glück gehabt hatte sich noch ein Stück seiner kindlichen Seite zu bewahren, da er vielleicht mit Kindern konfrontiert war und immer wieder erbauliche Erlebnisse verzeichnen konnte, war dies bei der verbitterten Frau nicht der Fall. Sie wurde vom Leben bereits so abgestumpft, dass sie – selbst wenn sie wollte – nicht mehr zu so etwas fähig wäre, da ihr Organismus dies nicht erlaubt.



3.

Mir persönlich hat die Geschichte gut gefallen, da sie durch ihre klaren Kontraste sehr fesselnd auf mich wirkte. Ich empfand es als besonders reizvoll, dass man sich zwei bestimmte Charaktere ausmalen kann und sich diese Persönlichkeiten allerdings bereits schon vor Ende der Geschichte herauskristallisieren. Diese neckische Verwobenheit gibt der Geschichte das gewisse Etwas. Auch wenn die Aktionen des alten Mannes Konfusion in mir weckten, so gelang es mir trotzdem nicht gegen ihn und seine undurchsichtigen Handlungen eine Aversion zu hegen. Bei der Frau allerdings war es allerdings so, dass sie mit fortschreitender Geschichte immer unsympathischer wurde und sie zu etwas avancierte, das wir höchstwahrscheinlich alle so kennen:

Eine verbitterte, alte Zicke, die gerne anderen den Spaß verdirbt, da sie selbst sich noch nicht einmal mehr im Entferntesten daran erinnern kann, wie es ist ungezwungen herumzualbern. Ihr ist es wichtiger in der Öffentlichkeit ihr Gesicht zu wahren, obwohl sie diese insgeheim verabscheut und solche Menschen wie den Alten eigentlich nur beneidet. Der alte Mann gehört meiner Meinung nach einer aussterbenden Rasse an, denn leider musste ich die Erfahrung machen, dass die Mehrheit älterer Menschen zur Freude nicht mehr fähig ist und durch sehr rüpelhaftes, ungehobeltes Verhalten auf sich aufmerksam macht.

2.10.10 13:36
 


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