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Franz Kafkas

Franz Kafka – Der Nachbar



In Franz Kafkas Erzählung „Der Nachbar“ aus dem Jahr 1917wird das Thema aufgegriffen wie Neid und Misstrauen unseren Mitmenschen gegenüber unsere eigene Lebensqualität einschränken können. Sie treiben uns dazu, vermeintlichen Missgönnern mehr Aufmerksamkeit zu schenken, um unser eigenes Übel zu verdrängen und den Nebenbuhlern sogar die Schuld daran zu geben.


Ein junger Geschäftsmann, welcher sich zunächst als sehr selbstsichere und von seinen Fähigkeiten überzeugte Person präsentiert, straft sein Selbstbild Lügen als ein vermeintlicher Konkurrent namens Harras die Räumlichkeiten neben seinem Büro anmietet. Durch dessen Präsenz wird die Unsicherheit über die eigene Identität immer deutlicher und aus anfänglich geheucheltem Desinteresse an Harras entwickelt sich eine regelrechte Obsession und der Protagonist beginnt zu glauben, dass dieser ihn ausspioniere und ihm dadurch seine Kundschaft streitig machen würde.



Kafka bedient sich des Ich-Erzählers um es seinen Lesern zu ermöglichen sich ein Bild über die Handlungsstränge und Personen zu machen. Der Ich-Erzähler erläutert sowohl innere als auch äußere Handlungen des namenlosen Protagonisten und gestattet dadurch nicht nur Einblick in dessen Gefühlswelt, sondern auch in den Handlungsraum, welcher das Büro darstellt.


Gleich zu Beginn beschreibt der Ich-Erzähler das Interieur seiner Büroräume.Dabei bedient er sich einer Aufzählung der nur notwendigsten Utensilien und Möbelstücke, die ein Arbeitsplatz benötigt und erzeugt durch die karge Verwendung der Substantive hierbei einen Stimmungsraum: es handelt sich um spartanisch eingerichtete Räume, es ist keineswegs ein Ambiente das zum Wohlfühlen und längerem Verweilen einladen würde.


Dadurch, dass er uns in Zeile 1 ohne Umschweif wissen lässt „Mein Geschäft ruht ganz auf meinen Schultern.“, zeigt er erste Züge seines Charakters und verdeutlicht uns dadurch stolz auf seine Selbstständigkeit zu sein. Er macht hier den souveränen, selbstsicheren Eindruck eines jungen Mannes, der genau weiß wo er im Leben steht. Dies wird durch seine Äußerung in Zeile 7 bekräftigt, in der er beteuert es sei „So einfach zu überblicken, so leicht zu führen.“ und „Ich bin jung und die Geschäfte rollen vor mir her.“.

In Zeile 8 wird im Rezipienten allerdings das Gefühl geweckt, dass es sich möglicherweise um eine Fassade handeln könnte, da er durch die Anapher in „Ich klage nicht, ich klage nicht.“ unterschwellig eine Unzufriedenheit erahnen lässt.


In Zeile 9 beginnt er von dem anderen jungen Mann zu berichten, der die Räume neben seinem Büro angemietet hat und lässt den Leser wissen, dass er eigentlich vorgehabt hatte diese Fläche selbst zu nutzen, dies aber aufgrund der überflüssigen Küche bisher versäumt hatte. Er scheint allerdings nicht verbittert über den Verlust des Objekts zu sein, mehr scheint die Präsenz des vermeintlichen Konkurrenten in ihm ein beklommenes Gefühl aufkommen zu lassen. Es erscheint als suche er in der Erwähnung der unbrauchbaren Küche nur eine Rechtfertigung, dass es nicht seine Schuld war, dass Konkurrenz ins Haus einziehen konnte.

Dadurch dass die Geschichte in medias res beginnt, sind dies alle Informationen, die uns über die Personenkonstellation zu diesem Zeitpunkt bekannt sind.


Durch den parataktischen Satzbau in Zeile 20 bis 21 versucht er gleichgültig zu wirken, als hätte er keinerlei Interesse an Harras, dem anderen jungen Unternehmer. Jedoch beschreibt er in den Zeilen 25 ff. seine Bemühungen mehr über den Neuen herauszufinden, da das Türschild nicht viel über dessen Tätigkeit preisgibt. Er ist zwischen Neugier und Desinteresse hin- und her gerissen, denn als seine Nachforschungen keine konkreten Antworten liefern, versucht er sich selbst zu beschwichtigen, denn es sei „Die übliche Auskunft, die man liefert, wenn man nichts weiß.“. Der Protagonist möchte sich selbst die offensichtliche Faszination nicht eingestehen, die der andere junge Mann auf ihn ausübt.


In den Zeilen 35 ff. gibt uns der Ich-Erzähler mit Hilfe einer erlebten Rede Auskunft darüber wie er Harras sieht. Dieser erweckt bei ihm den Anschein stets beschäftigt zu sein, da er den Büroschlüssel immer schon bereit hält wenn „er förmlich an ihm vorbei huscht“. Diese Information gibt Aufschluss über eine mögliche neidische und ablehnende Haltung des Erzählers, denn wenn ein Geschäftsmann beschäftigt ist kann man davon ausgehen, dass seine Geschäfte florieren.


Die Aversion welche die Hauptfigur gegen den möglichen Antagonisten hegt wird erstmals explizit in den Zeilen 38 bis 39 zum Ausdruck gebracht: Um Harras zu beschreiben verwendet der Ich-Erzähler die Tiermethapher „Wie der Schwanz einer Ratte ist er hineingeglitten.“ Einer Ratte werden schlechte Charaktereigenschaften zugeschrieben, man assoziiert sie mit etwas Schmutzigem und Unehrlichem.

Nun kommt er auf die dünnen Wände zu sprechen „die den ehrlich tätigen Mann verraten, den Unehrlichen aber decken.“ Hieraus resultiert ein weiteres Indiz für das Misstrauen mit dem der Protagonist seinem Nachbarn begegnet.


Der Aspekt des Misstrauens wird mit fortschreitender Erzählung immer prägnanter und ist eng mit der Gefühlswelt des Protagonisten verwoben. Die anfängliche Neugier und Missgunst des Ich-Erzählers wird zu einer Paranoia und er interpretiert, dass Harras ihm nur Böses will. In diesen Gedanken verbeißt er sich immer mehr und es erfolgt eine implizierte Beschreibung der Person seines Nachbarn als impertinent, sogar infam, bis hin zur Beschuldigung Harras würde ihn infiltirieren indem er durch die Wand seine Telefongespräche abhöre.

Diesen Schluss zieht er, da er durch die dünne Wand hindurch kein Telefon in Harras Büro vernehmen kann, dieser aber trotzt fehlendem Kommunikationsapparaten viel zu tun hat. Für den Ich-Erzähler gibt es dafür keine andere Erklärung als dass der Konkurrent seine Gespräche abhöre. Wenn dieser „die Gesprächsstelle, die ihn über den Fall genügend aufgeklärt hat“ hört, „huscht er nach seiner Gewohnheit durch die Stadt“ und ehe der Protagonist „die Hörmuschel aufgehängt habe, ist er vielleicht schon dran ihm entgegenzuarbeiten“.


Durch die krankhaften Phantasien, die beinahe schon neurotische Züge annehmen, und die unterschiedlichen Bilder, die der Protagonist von sich selbst gibt, wird ein Kontrastraum erzeugt. Äußerlich präsentiert er sich als professionell, gefasst und gleichgültig, doch innerlich ist er verunsichert, fühlt sich nicht wohl und zerrissen. Es entsteht damit auch ein Gegensatz von Handlungsraum und Psychotop.


Die Erzählung wird in einem zeitraffenden Stil gehalten. Sie berichtet uns nicht detailliert über einzelne Tage, sondern greift eine bestimmte Spanne auf, aus der einzelne Fragmente zu einem Gesamteindruck gepresst werden. Alles in allem verlässt sich Kafka auf einen nüchtern gehaltenen Erzählstil. Er verzichtet komplett auf Paraphrasen und vermeidet eine zu großzügige Verwendung von adjektivischem Gebrauch. Das Ende appelliert an die Phantasie des Lesers, da sie kein konkretes Ende findet, sondern der Ausgang offen bleibt.



Vor allem bei einem Verfasser wie Kafka bietet es sich an den Text aus der biografischen Perspektive zu beleuchten. Kafka, der selbst eine Zeit lang in einem Büro tätig war, wollte mit der Geschichte und der Schaffung der beiden Figuren wohl seinem eigenen Leben einen Spiegel vorhalten. Er selbst nimmt die Rolle des Protagonisten ein, Harras dagegen fungiert als die Wunschvorstellung seines Vaters. Kafka wird in ein Leben gedrängt, das er sich nicht für sich selbst gewünscht hätte und wie der Protagonist aus „Der Nachbar“ versucht er anfangs die Fassade zu wahren, doch innerlich ist er missmutig und sieht in einem normalen Nachbarn eine Bedrohung. Es beginnt zuerst mit Neid und endet als Obsession und Paranoia. Seine stets präsente und dominante Vaterfigur hat Kafka auch immer und immer wieder bevormundet und wollte sein Leben nach seinen eigenen Vorstellungen formen – dass sein Sohn ein Literat wurde, war für ihn schier unvorstellbar. Darüberhinaus war sein Vater auch ein Denunziant und Tyrann was dazu führte, dass Kafka keinerlei Vertrauen in seine eigene Fähigkeiten hatte. Hier vermischt sich die biografische mit der literatursoziologischen Methode, was sich in vielen von Kafkas Werken finden lässt, u. a. in „Die Verwandlung“. Wie auch hier wird das Leben des Menschen so dargestellt, dass er von der Gesellschaft abgelehnt und ausgeschlossen wird, wenn ihm die Integration nicht gelingt und er anders erscheint, als man es von ihm erwarten würde.


Aus psychologischer Sicht lässt sich die Tendenz des Menschen beleuchten die Schuld gerne anderen zuzuschieben und sich einen Sündenbock zu suchen – ein Phänomen mit langer geschichtlicher Tradition (z. B. wie mit den Juden in Mittelalter oder NS-Zeit). Auch ist die Erzählung ein Paradebeispiel dafür, dass Neid einen Menschen in den Wahnsinn treiben kann, wenn er zulässt sich davon zu sehr beherrschen zu lassen. Bei dem Protagonisten in der Geschichte entwickelt sich daraus schon eine echte psychische Störung, die sich in Paranoia und Zwangsneurosen äußert.


Mir gefällt die Geschichte alleine schon deshalb sehr gut, da sie aus der Feder von Franz Kafka stammt, der meiner Meinung nach Werke verfasst hat, die einen Bezug zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft haben. Aus rein subjektiver Auffassung würde ich sagen, er befasst sich generell mit Thematiken mit denen man sich leicht identifizieren kann und regt auch zum Nachdenken an. In dieser Geschichte hat mir die für ihn typische metaphorisch gelenkte Ausdrucksweise gefehlt, doch empfand ich es eben deswegen als eines seiner persönlicheren, autobiografischeren Werke. Die trockene, nüchterne Beschreibung der Situationen in Kontrast zu dem verzweifelten Kern des Hauptcharakteren, der bereits unzufrieden mit sich und der Welt ist, hat mich überzeugt. Ich musste den Text zwar ein zweites Mal lesen, um die feinen Nuance, welche das Gefühl beim Leser auslösen bewusst zu erkennen und zu orten, doch trotz allem werden die Intentionen des Autors bei intensivem Erstlesen ersichtlich.

30.9.10 22:31
 


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